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Paartherapie: Warum Reden hilft

Beziehung in der Sackgasse, aber Sie wollen es noch mal versuchen? Dann kann die Auseinandersetzung unter der Leitung eines Profis neue Wege aufzeigen
von Silke Droll, aktualisiert am 22.09.2017

Bei der Paartherapie geht es oft um unausgesprochene Erwartungen

Getty Images/Creative/EPlus

Meist ist es die Frau, die beim Paartherapeuten anruft. So war es auch bei Bettina Frisch (Name geändert). Ihr Mann hatte eine Affäre. Sie denkt an Trennung. Aber: Da sind 15 Jahre Beziehung und zwei Kinder. Die Erwachsenen schreien sich an, schweigen sich an, suchen Rat bei Freunden. Nichts hilft. Das Ende?

Oft beginnt eine Paartherapie mit einem vermeintlichen Ende. Vielleicht dienen die Gespräche tatsächlich nur noch dazu, die Trennung möglichst gut hinzukriegen. Aber in vielen Fällen können Therapeuten ein Paar auf einen neuen gemeinsamen Weg bringen.

Wohin zur Paartherapie?

Krankenkassen bezahlen eine Paartherapie nicht. Eine Sitzung bei einem Psychotherapeuten mit Qualifikation für Paartherapie kostet etwa 100 bis 140 Euro. Als grober Richtwert für die Therapiedauer gilt zehn Stunden.

Eine Alternative ist die Paarberatung der Kirchen oder von freien Trägern wie pro familia. Dort wird nur um Spenden oder eine geringe Kostenbeteiligung gebeten. Die Paarberater sind meist Pädagogen, Psychologen oder Theologen und haben eine Ausbildung als "Ehe-, Familien- und Lebensberater".

Bieten andere Personen Paarberatung und -therapie an, besser genau nachfragen, welchen Grundberuf und welche fachliche Qualifikation der Betreffende hat.

Ein guter Draht zum Therapeuten kann entscheidend sein

"Es ist gut belegt, dass Paartherapie wirkt", sagt Dr. Nikolaus Melcop, Vizepräsident der Bundespsychotherapeutenkammer. Betrachtet man verschiedene Studien und Meta-Analysen, verändert sich bei 40 bis 50 Prozent der Paare die Partnerschaft maßgeblich positiv, bei weiteren 30 Prozent sind die Verbesserungen weniger stabil.

Wie die Individual-Psychotherapie richtet sich auch die Paartherapie an bestimmten Verfahren aus, wie kognitive Verhaltenstherapie, systemische oder psychoanalytische Therapie. Mindestens genauso wichtig wie das Konzept ist die stimmige "Chemie" mit dem Therapeuten. Und dass beide Partner sich für ihre Beziehung einsetzen wollen. Wenn noch Wertschätzung füreinander besteht, kann ein Paar wieder zusammenfinden. "Dann gibt es vielleicht eine Narbe, aber die Wunde lässt sich heilen", sagt Ursula Zeh, Paarberaterin beim Erzbistum Bamberg.

Ausbrechen aus der Streitspirale

Egal welche Konflikte Paare beschäftigen: Wenn sie eine Therapie beginnen, sind sie meistens in einer Streitspirale gefangen oder sprechen kaum noch miteinander. "Die Partner verlieren sich im Alltag, durch Druck und Stress und ihre Aufgaben. Sie reden nicht mehr darüber, was sie im Innersten bewegt", so der Paartherapeut Stefan Postpischil.

Deswegen lautet das wichtigste Rezept der Paartherapie: Reden, reden, reden! Nicht nur bei Psychoanalytikern wie Postpischil, der vor allem nach Zusammenhängen der aktuellen Paarprobleme mit Kindheitserfahrungen sucht. Wenn ein Paar zu ihm kommt, spricht zunächst jeder Partner darüber, wie es ihm geht und wie es ihm in der Beziehung zum anderen geht – ohne dass der andere unterbricht. "Das ist völlig anders, als miteinander zu streiten. So merkt der zuhörende Partner wieder, dass er es mit einem höchst sensiblen menschlichen Wesen zu tun hat, und gewinnt Verständnis für den anderen."

Termin, Zeitlimit, Gefühle

Das zugewandte Sprechen und Zuhören ohne Ablenkung empfehlen Therapeuten generell Paaren mit Problemen. Ein Termin, ein Zeitlimit, einer spricht über seine Gefühle, der andere hört zu. Oft wird diese Form des Gesprächs erst in der Therapie geübt. Wer lange in gegenseitigen Vorwürfen verhakt war, muss lernen, in der Erzählung des anderen nicht automatisch nach Anklagepunkten zu suchen. Deswegen lassen Therapeuten den zuhörenden Partner auch manchmal zusammenfassen, was er denn gehört hat.

Oft machen Paare in einer Therapie gänzlich neue Entdeckungen an sich und an der Person, mit der sie seit Jahren Tisch und Bett teilen. Zum Beispiel eine unbekannte sexuelle Neigung. Oder es treten alte, tiefe Verletzungen zutage, von denen der andere nichts wusste. Oder das Paar merkt, wie scheinbar unwichtige Dinge die Beziehung beeinflussen. Für Bettina Frisch und ihren Mann Markus war es die Erkenntnis, wie stark sich das enge Verhältnis zu den Eltern der Frau auf ihre Ehe auswirkte. Das Paar lebt im Haus von Bettinas Eltern und schätzt die praktische Unterstützung bei der Versorgung der Kinder.

Auch die Herkunftsfamilie kann eine Rolle spielen

In der Therapie stellt sich heraus, wie stark die Frau immer noch emotional abhängig ist von ihren Eltern. Außerdem zeigt sich, dass auch ihr Mann ihre Rolle als "kleines Mädchen" brauchte. Es half ihm, sich nicht bedroht zu fühlen, wie die ebenfalls psychoanalytisch arbeitende Therapeutin Elke Rosenstock-Heinz den Fall erklärt.

Er hatte als Jugendlicher unter einer klammernden, überbehütenden Mutter gelitten. "Dies ließ bei ihm das Bild von martialischen Frauen entstehen, vor deren Fängen man sich tunlichst schützen musste", sagt Rosenstock-Heinz. Die starke Rolle des Schwiegervaters untergrub aber seine Position als Vater. Die Interpretation der Therapeutin: Das Paar war in der Position von Kindern geblieben – auf Kosten der Ehe.

Systemische und verhaltenstherapeutische Ansätze

Die Erfahrungen in der Herkunftsfamilie spielen auch bei systemisch und verhaltenstherapeutisch arbeitenden Therapeuten eine Rolle, aber sie orientieren sich stärker am Heute. Der systemische Paartherapeut Dr. Martin Schmidt verschafft sich mit sehr strukturierten Fragen in den ersten Sitzungen einen umfassenden Überblick über das "System" des Paares. Er will etwa wissen: Was ist ihr Verständnis von Partnerschaft? Welche Personen – wie Kinder und andere Verwandte – spielen eine Rolle? Wie laufen Konflikte ab? Welches Muster steckt dahinter? Wie schätzen die Partner ihre Paarzufriedenheit auf einer Skala von 0 bis 10 ein? Aus welcher Familie kommen sie? Was wollen sie erreichen?

Die aktuelle Situation bettet er in einen Zeitstrahl mit Vergangenheit und Zukunft ein. "Dann habe ich eine Perspektive." Schmidt ist überzeugt davon, dass hinter vielen Konflikten ein Gerechtigkeitsproblem steht. "Die übergeordnete Frage ist bei jedem Paar: Was heißt Geben und Nehmen? Ist das ausgeglichen? Wie ist die wechselseitige Anerkennung? Wer gibt was? Wer nimmt was? Darüber muss gesprochen werden."

Wer gibt? Wer nimmt?

Wenn die Fronten bereits sehr verhärtet sind und ihm "zwei Mauern" gegenübersitzen, versucht er eine erste Annäherung über Briefe zu erreichen. "In der Stunde kann man den Brief dann vorlesen, dem anderen geben oder auch nur sagen, wie es einem damit ging."

Um wieder Zugang zu Gefühlen zu bekommen, arbeiten systemische Therapeuten auch mit sogenannten Familienskulpturen. Dabei fungiert eine Person als Bildhauer, der Körperhaltung und Gesichtsausdruck der anderen Person so formt, wie er sie sieht – etwa zur Zeit des Kennenlernens, in der Gegenwart und in der Zukunft. Dann ordnet der Bildhauer seiner Skulptur einen typischen Satz zu und stellt sich selbst dazu. "Das wirkt intensiv. Durch die Körperhaltung verändern sich Emotionen."

Probleme bei neuen Lebensphasen

Typischerweise wird es für Paare besonders in Umbruchphasen schwer: wenn beide zusammenziehen, wenn Kinder kommen, wenn ein Partner in Rente geht. Bei jedem Wechsel ändern sich die Rollen der Partner. "Außerdem ist es heute schwieriger, eine stabile Beziehung zu führen, als früher", findet Paarberaterin Zeh. Die Erwartungen an das eigene Glück seien gestiegen, viele Lebensentwürfe möglich. "Heute muss jeder seine eigenen Regeln erfinden, wie er leben will. Und dann muss es für zwei miteinander passen. Das ist sehr anspruchsvoll", sagt Zeh.

Immerhin: Die Offenheit für Hilfe vom Profi bei Paarproblemen nimmt zu. Therapeuten und Beratungsstellen berichten von steigender Nachfrage. Mittlerweile suchen ältere Paare über 60 ebenfalls immer häufiger Unterstützung. Auch für Menschen, die schon sehr lange zusammen sind, gilt: Veränderung ist möglich. "Dabei sollte man sich aber vor allem fragen, welchen Anteil man am Problem hat und inwieweit man sich selbst ändern kann. Bitte nicht erwarten, dass der Therapeut dafür sorgt, dass der andere sich ändert."

Realistischer in die Zukunft

Dann geht es darum, sich aufeinander zuzubewegen. Bei einem Nähe-Distanz-Konflikt kann das etwa bedeuten, dass die Partner mehr miteinander sprechen und unternehmen, aber der Nähe suchende Partner auch den Abstand des anderen akzeptiert und nicht sofort in Panik verfällt. "Manches hat nichts mit der Beziehung zu tun, sondern einfach mit den Bedürfnissen des anderen."

Manchmal sitzen auch Paare beim Therapeuten, ohne dass es sich um eine Paartherapie handelt – wenn einer der Partner eine psychische Erkrankung hat. "Es kann sehr hilfreich sein, zeitweise den Partner mit einzubeziehen. Damit können therapeutische Erfolge gestützt oder auch negative Einflüsse aus der Beziehung gestoppt werden", sagt Verhaltenstherapeut Melcop. Für einen depressiven Mann sei es oft nicht förderlich, von seiner Frau zu stark behütet zu werden, für einen Phobiker nicht gut, wenn sein Vermeidungsverhalten durch Zuwendung aufrechterhalten werde.

Neue gemeinsame Pläne

Auch im besten Fall bleibt es mit einer Paartherapie beim Ende der alten Beziehung. Stattdessen beginnt ein neues Kapitel, mit einer realistischeren Basis. Damit kann auch eine Affäre ad acta gelegt werden. Die Frischs lernten sich unter Anleitung ihrer Therapeutin neu kennen, wurden sich über ihre Bedürfnisse und Wünsche klar und wieder neugierig aufeinander. Sie planen nun eine große gemeinsame Reise.



Bildnachweis: Getty Images/Creative/EPlus

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